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Stress – richtig dosiert – ist Doping in unserem Alltag!

Stress – richtig dosiert – ist Doping in unserem Alltag!

 

Die Vorstellung von Stress löst bei den meisten Menschen Unbehagen aus. Termindruck, Verantwortung und die Last der Erwartungen können sich wie ein Schatten auf den Alltag legen. Jeder von uns hat jemanden in seinem Umfeld, der schon ein Burnout erlitten hat. Stress gilt als Krank- und Dickmacher und Schmerzverstärker. Er zerstört Herz und Hirn, macht trübsinnig und vergesslich.

Also etwas Furchtbares. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Warum sind dann Topmanager, Fluglotsen, Extremsportler oder Kampfpilotinnen nicht dauerhaft krank?

Lassen Sie uns heute deshalb einen etwas differenzierteren Blick auf die Angelegenheit werfen. Denn Stressexperten und Forscher haben längst erkannt, dass nicht alle Stressoren gleichermaßen schädlich sind. Ein gesundes Mass an Stress kann uns nicht nur wach, fit und freundlich machen, sondern auch zahlreiche positive Effekte auf unseren Körper und unsere Psyche haben. Wichtig ist, dass Stress nicht zum Dauerzustand wird.

Stress als Katalysator für Höchstleistungen

Helen Heinemann, Gründerin des Hamburger Instituts für Burnout-Prävention (IBP), schwört auf den „Hormoncocktail“ aus Adrenalin und Cortisol, den sie bei stressigen Situationen produziert. Für sie ist Stress ein Motor, der sie auf Hochtouren laufen lässt, sie fokussiert und alle unwichtigen Dinge ausblendet. Doch nicht jeder teilt diese Begeisterung für stressige Situationen. Viele Menschen sehnen sich nach weniger Druck und Leistung.

Stress als Förderer von Lern- und Erinnerungsprozessen

Der Kognitionspsychologe Oliver T. Wolf von der Ruhr-Universität Bochum betont die entscheidende Rolle von Stress für Lern- und Erinnerungsprozesse. Soziale Stresssituationen, wie sie im Trier Social Stress Test (TSST) simuliert werden, haben gezeigt, dass gestresste Probanden sich Gegenstände besser merken als nicht gestresste. Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol tragen dazu bei, dass neu Gelerntes im Gehirn verfestigt wird. Stress kann also beim Lernen helfen und zu Höchstleistungen anspornen.

Stress als Unterstützung bei der Bewältigung von Ängsten

Stresshormone wie Cortisol können auch bei der Therapie von Ängsten und Traumata unterstützen. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die vor einer Konfrontationstherapie mit Spinnenphobie Cortisol verabreicht bekamen, weniger ängstlich reagierten. Ähnliche Effekte wurden auch bei Herzpatienten beobachtet, die vor einer Operation Cortisol erhielten. Stresshormone können somit die schädigenden Wirkungen von Stress umkehren.

Stress fördert soziale Bindungen

Markus Heinrichs von der Universität Freiburg betont, dass Stress nicht nur individuelle Leistungen beeinflusst, sondern auch soziale Bindungen stärken kann. Oxytocin, ein Hormon, das bei stressigen Situationen ausgeschüttet wird, fördert nicht nur die Bindung zwischen Eltern und Kindern oder Partnern, sondern kann auch die Reaktionen auf sozialen Stress abmildern. Experimente mit Paaren, die Oxytocin erhielten, zeigten eine gesteigerte Zugewandtheit und geringere Stressreaktionen.

Stress als Immunsystem-Booster

Nicht nur auf psychischer, sondern auch auf physischer Ebene kann Stress positive Auswirkungen haben. Kurzfristiger Stress, sei es durch Sport oder zeitlichen Druck, kann die Immunabwehr stärken. Studien haben gezeigt, dass nach kurzfristigem Stress vermehrt Zellen und Abwehrstoffe im Blut zirkulieren. Dieser Effekt kann die Heilung von Wunden beschleunigen und die Wirksamkeit von Antibiotika oder Antitumor-Therapien verbessern.

Die Einstellung zum Stress macht den Unterschied

Die US-Psychologin Alia Crum von der Stanford University betont, dass die individuelle Einstellung zum Stress einen großen Einfluss darauf hat, wie dieser empfunden wird. Menschen, die Stress als förderlich und unterstützend betrachten, zeigen geringere Stressreaktionen als jene, die Stress als schädlich erleben. Eine positive Einstellung kann bereits durch kurze Videos vermittelt werden, die die gesundheitsfördernden Aspekte von Stress betonen.

Fazit: Stress als Quelle von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

Die Erkenntnisse aus verschiedenen Studien zeigen, dass Stress nicht per se negativ ist. Ein ausgewogenes Mass an Stress kann uns nicht nur zu Höchstleistungen motivieren, sondern auch soziale Bindungen stärken, die Immunabwehr verbessern und die Heilung von Wunden fördern. Die individuelle Einstellung zum Stress spielt dabei eine entscheidende Rolle. Anstatt Stress zu vermeiden, sollten wir lernen, ihn als etwas grundsätzlich Positives zu erkennen und ihn als Motor für persönliche Entwicklungen und Herausforderungen zu nutzen. So wird Stress nicht länger als Belastung, sondern als Quelle von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit wahrgenommen.

Buchtipp zum Thema: Heinemann Helen: «Warum Stress uns glücklich macht. Oder: Wieso wir aufhören sollten zu entspannen». Adeo, 2015

    Frohe Festtage und einen guten Rutsch…!

    Frohe Festtage und einen guten Rutsch…!

     

    Liebe Blogleserinnen und Blogleser der kürzeste Tag ist vorbei – ein untrügliches Zeichen dafür, dass Weihnachten unmittelbar vor der Tür steht und das neue Jahr bereits drängt.

    Für den Berufsstand der Physiotherapie war es kein schönes Jahr: Nachdem die Tarifverhandlungen zwischen dem Berufsverband und den Versicherern gescheitert sind, griff der Bund ein und präsentierte seinen Tarifeingriff. Dieser führt zu Bedingungen, die eine moderne evidenzbasierte Physiotherapie sehr schwierig machen würde und für alle – Patienten, Therapeutinnen und das Gesundheitswesen an sich negative Folgen hätte. Statt die seit 1997 unveränderte Tarifsituation zu verbessern, drohen 20-Minuten Therapien und Umsatzeinbussen, die wohl viele Praxen zum Aufgeben zwingen würden. Dass die Bevölkerung mit in kürzester Zeit gesammelten 283’000 Unterschriften gegen diesen Tarifeingriff ein klares Zeichen gesetzt hat, wird den Bundesrat mit Sicherheit 2024 nochmals über die Situation nachdenken lassen.

    Ansonsten hoffen wir, dass das zu Ende gehende Jahr für Sie ein gutes war! Wir hoffen, dass Sie genügend Zeit und Motivation gefunden haben, regelmässig aktiv zu sein, sich zu bewegen und Sport zu treiben. Ein aktiver Lebensstil ist immer noch die beste Prävention und meist auch die beste Rehabilitation.

    Für die bevorstehenden Festtage wünschen wir Ihnen viel Ruhe, Gelassenheit, Freude und Liebe! Regen Sie sich nicht auf, wenn das W-Lan mal eine Stunde nicht funktioniert, sondern geniessen sie es…

    Für Ihre Treue, liebe Blogleserinnen und Blogleser möchten wir uns zum Schluss ganz herzlich bedanken. Mittlerweile haben wir über 1700 regelmässige Leserinnen und Leser.

    Sollten Sie den Wunsch verspüren, uns ein Feedback zu unseren Beiträgen zu geben – in Form von Kritik, eines Wunsches oder eines Komplimentes – freuen wir uns auf Ihre E-Mail auf info@aktivphysio.ch

    Wir wünschen Ihnen und Ihren Liebsten frohe Festtage und einen guten Rutsch in ein gesundes, glückliches und aktives 2024!

     

    Ihr Aktiv Physio Team

      Erkältung und Grippe – wie sieht’s aus mit Sport?

      Erkältung und Grippe – wie sieht’s aus mit Sport?

      Aktuell ist wieder Grippe- und Erkältungszeit. Die Terminabsagen wegen Krankheit haben bei uns ihren jährlichen Höhepunkt erreicht. Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, laufende Nasen, Halsschmerzen und Husten sind omnipräsent. Darf man in dieser Verfassung Sport machen oder besteht ein Risiko, sich gleich eine Herzmuskelentzündung zuzuziehen? Wann darf man nach einem Infekt mit Fieber wieder mit Sport beginnen? Solche Fragen werden uns derzeit wieder häufig gestellt.

      Darf man trotz Erkältung Sport treiben?
      Die typischen Symptome einer Erkältung sind Husten, Halskratzen und Schnupfen, die sich meist allmählich entwickeln. In der Regel verschwinden die Symptome nach ein bis zwei Wochen ganz von allein. Im Gegensatz dazu tritt eine Grippe meist abrupt auf. Die typischen Symptome sind dann Schüttelfrost, Fieber sowie Muskel- und Gliederschmerzen.

      Da die Symptome einer Erkältung wie Schnupfen, Husten und Halsschmerzen meist milder sind und der körperliche Zustand im Vergleich zu einer Grippe nicht so geschwächt erscheint, denken viele Menschen, dass Sport treiben bei einer leichten Erkältung in Ordnung ginge. Doch das trügt!

      Um die Viren während einer Erkältung zu bekämpfen, benötigt das Immunsystem viel Energie. Wenn man nun trotz Erkältungssymptomen Sport treibt, beansprucht man das eigene Immunsystem zusätzlich. Durch die hohe Belastung beim Sport hat das Immunsystem zu wenig Energie für die Virusabwehr übrig. Dadurch verlängert und erschwert sich der Krankheitsverlauf bei einer Erkältung unnötig. Oft werden dann zum Beispiel die Bronchien und Nasennebenhöhlen zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen. Zudem können sich Viren oder Bakterien durch die geringe Gegenwehr des Immunsystems weiter im Körper ausbreiten und im schlimmsten Fall noch zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen. Diese bleibt oftmals lange unerkannt, bis es zu einer Herzschwäche kommt. Eine Herzmuskelentzündung kann man an folgenden Symptomen erkennen: Atemnot, Brustenge, vermehrtes Herzklopfen, Schwindel oder Ohnmacht sowie Wassereinlagerungen in den Beinen.

      Wann darf mach sich bewegen, wann trainieren?
      Hören Sie auf Ihr Körpergefühl und achten Sie auf die Symptome. Wenn nur die Nase läuft und Sie sich ohne Medikamente gesund fühlen, spricht nichts gegen ein moderates Training mit geringer körperlicher Belastung. Hier bietet sich zum Beispiel Wandern oder entspanntes Fahrradfahren an der frischen Luft an. Falls Sie sich trotz fehlender Symptome unwohl fühlen, sollten Sie sich lieber schonen und körperliche Anstrengung vermeiden. Auch bei Halsschmerzen und Husten sollten Sie das Training einstellen. Bei Fieber ist Sport absolut tabu – und zwar in jeglicher Form!

      Kann man durch Sport eine Erkältung ausschwitzen?
      Dass man eine Erkältung «ausschwitzen» kann, ist ein Mythos, der sich leider hartnäckig hält. Bei Fieber können die Viren nicht einfach aus dem Körper geschwitzt und abtransportiert werden. Was stimmt ist, dass die Bettwärme den Kreislauf anregt und zu einer besseren Durchblutung der Schleimhäute führt, womit das Immunsystem die Erkältung besser bekämpfen kann. Die erhöhte Temperatur führt zu einer vermehrten Antikörper-Produktion, die die Genesung begünstigt. Doch zu viel Wärme, wie sie etwa durch Sport entsteht, belastet den Körper nur zusätzlich. Somit gehört auch die Sauna bei Fieber zu den verbotenen Zonen!

      Wann und Wie kann ich wieder mit Sport beginnen?
      In den ersten Tagen der Erkrankung mit akuten Symptomen sind eine absolute Sportpause, viel Schlaf und genügend Flüssigkeitsaufnahme das Wichtigste.

      Generell gilt: Je stärker der Infekt, desto länger sollte die Pause sein, bevor es mit dem Trainieren weitergeht. Wichtig ist, dass Sie frei von Medikamenten sind, keine Erkältungssymptome mehr aufweisen und auf Ihren Körper hören. Fühlen Sie sich noch energielos und schlapp oder haben Sie noch einen erhöhten Ruhepuls, sollten Sie unbedingt noch mit Sport und intensivem Training warten.

      Faustregel: Nach einem grippalen Infekt mit Fieber über 38°C ist eine Pause von etwa zwei Wochen zu empfehlen, bevor Sie wieder mit dem Sporttreiben beginnen.

      Sind die Beschwerden/Symptome weg und es besteht wieder eine gute Leistungsfähigkeit im Alltag (z.B. beim Treppensteigen, ohne dass man ausser Atem kommt), kann man wieder mit lockerem Training beginnen und dieses – je nachdem wie man sich fühlt – über ein bis zwei Wochen steigern. Dabei muss man immer auf den eigenen Körper achten und kontrolliert den Puls regelmässig.

      Achtung: Wurde eine Myokarditis oder eine andere Beteiligung des Herzes festgestellt, muss mindestens drei Monate pausiert werden. Es sollte erst nach der Freigabe durch den Kardiologen wieder mit dem Training begonnen werden.

      Falls Sie unsicher sind, ob Sie das Training wieder aufnehmen können, fragen Sie dazu vorab Ihren Arzt oder Ihre Ärztin.

       

      Weiterführende Literatur/Quellen:

      Von der Lust am «langen Wandern»

      Von der Lust am «langen Wandern»

      Ich habe es in Schwedisch Lappland, meiner zweiten Heimat, für mich «entdeckt»: Das Wandern über mehrere Tage und längere Strecken. Dazu beigetragen hat sicher die Tatsache, dass unser Haus in Schweden nahe am Kungsleden liegt. Der Kungsleden (schwedisch für «der Königspfad») ist ein rund 500 Kilometer langer Fernwanderweg in Schwedisch Lappland bzw. Sápmi, dem Land der indigenen Samen.

      Wir (Frau, Tochter, Hund und ich) haben dieses Jahr in 6 Wandertagen die sieben nördlichsten Etappen von Nikkaluokta über Kebnekaise nach Abisko unter die Sohlen unserer Wanderschuhe genommen. Übernachtet haben wir in den einfachen Fjällstationen, respektive Fjällstugas des STF (ähnlich unserem SAC). Die Tagesetappen betrugen zwischen 14 und 25 Kilometern. Laut meiner Garmin hatten wir am Schluss der Wanderung 132 Kilometer, respektive 148’654 Schritte in den Beinen. Für mich war diese Wanderung der Höhepunkt unseres diesjährigen Sommerurlaubes.

      Warum?

      Zum einen liegt das sicher am Ort: Die Weiten im Norden Europas scheinen beinahe unendlich. Ausser an den Übernachtungsorten trifft man kaum Menschen. Die Natur ist komplett frei von «Disneyparks», Sessel- und anderen Bähnlis oder vergleichbarer Infrastruktur zum menschlichen Vergnügen. Für mich sehr wohltuend und befreiend. Wasser nimmt man eigentlich kaum mit. Ein Becher reicht, denn egal ob Bach, Fluss oder See – das Wasser ist beste Trinkqualität und reichlich vorhanden. Der Handy-Empfang ist meistens null – allenfalls mal für ein paar Kilometer einen einsamen Balken auf dem Display. Will man zuverlässig kommunizieren, geht das nur über Satelliten.

      Doch die geografische Lage macht nur einen Teil des Erlebnisses aus. Es gibt in der Schweiz, in Europa, eigentlich überall auf der Welt die Möglichkeit, herrliche mehrtägige Wanderungen zu unternehmen. Was ich für mich entdeckt habe, ist der Reiz der Langsamkeit. Sich buchstäblich Schritt für Schritt – je nach Gelände mit drei bis vier Kilometern pro Stunde im Tagesschnitt fortzubewegen. Man nimmt die Natur in Ihrer Vielfalt viel detaillierter wahr.

      Jeder Schritt führt einen tiefer in die Landschaft, und man hat Zeit, die Details zu bewundern, die einem sonst entgehen würden. Die Farben der Flora, das Rauschen eines nahen Wasserfalls, der Duft von frisch geöffneten Blüten – all das wird plötzlich viel intensiver wahrgenommen. Das Wandern über mehrere Tage schafft auch eine einzigartige Verbindung zur Natur. Man wird gewissermassen Teil des Ökosystems, in dem man sich bewegt. Man spürt den Wind auf der Haut, hört das Zwitschern der Vögel und kann die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten.

      Mehrtägige Wanderungen ermöglichen es einem auch, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. In der heutigen schnelllebigen Welt sind wir ständig von Ablenkungen und Informationen überflutet. Das Wandern bietet eine willkommene Auszeit, in der man einfach nur seinen Gedanken nachhängen kann. Man hat viel Zeit, über die unterschiedlichsten Dinge nachzudenken, Probleme zu sortieren oder einfach nur im «Hier und Jetzt» zu sein. Es ist, als ob der Stress des Alltags mit jedem Schritt weiter hinter einem zurückbleibt.

      Zu guter letzt sind auch die positiven körperlichen Effekte des Wanderns nicht zu unterschätzen. Das stetige Gehen stärkt das Herz-Kreislaufsystem und verbessert die Ausdauer. Die Muskeln werden sanft beansprucht, ohne übermässig belastet zu werden. Dadurch eignet sich das Wandern auch hervorragend als Sportart für Menschen jeden Alters und Fitnesslevels.

      Ein weiterer Vorteil des Wanderns ist die Fettverbrennung. Da man über einen längeren Zeitraum in Bewegung ist, verbrennt der Körper kontinuierlich Kalorien. Dies kann dazu beitragen, das Gewicht zu kontrollieren und die Gesundheit zu verbessern.

      Wenn Sie also das nächste Mal die Gelegenheit haben, einen mehrtägigen Wandertrip zu unternehmen, zögern Sie nicht. Lassen Sie sich den Rhythmus Ihrer Schritte ein, geniessen Sie die Freiheit der Natur und lassen Sie sich von den positiven Effekten auf Körper und Seele begeistern. Wir werden es auf jeden Fall wieder tun.

      Weiterführende Links:

      Fernwanderwege in der Schweiz

      Die 12 europäischen Fernwanderwege

      Die Physiotherapie im freien Fall?

      Die Physiotherapie im freien Fall?

      Die Tarifverhandlungen in der Physiotherapie finden in der Schweiz direkt zwischen den Tarifpartnern, den Krankenversicherungen (vertreten durch Santésuisse) und den Physiotherapeuten (vertreten durch ihren Verband Physioswiss) statt. Sollten diese Verhandlungen scheitern, das heisst zu keinem von beiden Parteien akzeptierten Ergebnis führen, entscheidet der Bund via das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) über die Tarifstruktur.

      Das ist jüngst passiert und das BAG hat zwei Vorschläge für eine Tarifrevision in der Physiotherapie in die Vernehmlassung gegeben. (Für interessierte: Link zum Erläuternder Bericht zur Eröffnung des Vernehmlassungsverfahrens). Auf den ersten Blick schauen die beiden Vorschläge – wohl insbesondere für Branchenfremde – vernünftig und «harmlos» aus. Variante 1 sieht vor, die bestehenden Sitzungspauschalen für allgemeine Physiotherapie (Tarifposition 7301) und aufwändige Physiotherapie (Tarifposition 7311) mit einer Mindestsitzungsdauer zu ergänzen und zusätzlich eine neue Pauschale für eine Kurzsitzung von 20 Minuten einzuführen. Variante 2 sieht vor, anstelle der bisherigen Pauschalen eine neue Grundpauschale (Sitzungszeit von mindestens 20 Minuten) sowie eine neue Position für jede weitere 5 Minuten Sitzungszeit einzuführen. Schaut man die Vorschläge etwas genauer an, fallen vor allem folgende Punkte auf:

      In beiden Vorschlägen sind neu Sitzungen von 20 Minuten vorgesehen. Eine physiotherapeutische Sitzung dauert heute an den allermeisten Orten 30 Minuten und beinhaltet etwa 5 Minuten für den administrativen Aufwand, der im Zusammenhang mit der Therapiesitzung entsteht (Führung des Patientendossiers, etc.). Was hier nun quasi durch die «Hintertüre» eingeführt wird, ist der 20-Minuten-Rhythmus. Zwar wird die Physiotherapie bezogen auf den Stundenumsatz nicht schlechter gestellt (man behandelt neu einfach 3 anstelle von 2 Patienten) aber die Versicherer bezahlen pro Patienten rund 33% weniger. Clever, nicht? Wer von Ihnen schon in der Physiotherapie war, weiss, dass 20 Minuten in den meisten Fällen nicht ausreichen, um eine qualitativ sinnvolle Therapieleistung zu erbringen. Wieviel Zeit benötigt nur schon das Aus- und Ankleiden, die Frage nach dem Befinden und das Nachführen des Patientendossiers? Bei einem 20 Minuten Termin bleibt da kaum noch etwas übrig. Dem Patienten würde mit dieser Änderung das Recht auf eine wirkungsvolle, qualitativ adäquate Behandlung wohl weitestgehend genommen.

      Darüber hinaus würden wir wohl auch einen signifikanten Teil unserer Mitarbeitenden verlieren. Physiotherapeuten sind in der Schweiz sehr gut ausgebildet und übernehmen tagtäglich eine grosse Verantwortung. Sie verfügen heute über eine Matura und einen Studienabschluss bei einer vergleichsweise bescheidenen Entlöhnung. Ein achtstündiger Arbeitstag eines Therapeuten bedeutet heute 16 Patienten. Das ist anstrengend und braucht viel Energie. Werden aus diesen 16 nun 24 Patienten sprechen wir bald von «Fliessbandarbeit». Das ist wohl auch mental kaum mehr in der notwendigen Qualität zu bewerkstelligen und führt mit Sicherheit zu einer Kündigungswelle, was den aktuellen Mangel an Physiotherapeuten weiter dramatisch verschärft.

      Ein weiterer Punkt betrifft die Tarifposition 7311 in der Physiotherapie. Die Tarifposition 7311 für sogenannte «aufwendige Physiotherapie» kommt aktuell dann zur Anwendung, wenn der Patient ein komplexes Krankheitsbild aufweist. Was das heisst, ist in der aktuellen Tarifordnung genau festgelegt. So kommt der Tarif unter anderem zum Tragen, wenn mehrere nicht benachbarte Gelenke betroffen sind, eine Beeinträchtigung des Nervensystems, sensomotorische Verlangsamungen oder kognitive Defizite, relevante Nebendiagnosen wie beispielsweise Diabetes oder eine palliative Situation vorliegen. Solche komplexen Krankheitsbilder fordern den Physiotherapeuten deutlich mehr und erfordern eine aufwändigere Anamnese und einen entsprechend sicheren, gut abgestützten Behandlungsplan. Nicht selten werden diese Fälle bei uns auch ausserhalb der Behandlungszeit an den wöchentlichen Teamsitzungen besprochen. Ein höherer Tarif ist für diese Position somit gerechtfertigt.

      Die beiden Vorschläge des Bundesrates sehen nun vor, dass die Behandlungsdauer für die Tarifposition 7311 auf mindestens 45 Minuten festgelegt wird. Damit entspricht die Entschädigung pro Zeiteinheit für die aufwändige Physiotherapie neu exakt der Entschädigung für eine «normale» Physiotherapie. Wird das Modell so umgesetzt, hat das mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Qualitätseinbusse für die betroffenen Patienten zur Folge, denn die vorgesehene Entschädigung für Physiotherapie erlaubt es den Praxen nicht, diesen «Extra-Effort» umsonst zu leisten. Werden alle weiteren Parameter so belassen, führt diese Änderung der Tarifordnung in den meisten Praxen zu Umsatzeinbussen in der Grössenordnung von 20-25%.

      Und nun noch ein Wort zu den Kosten der Physiotherapie: Mit Umsetzung der in Vernehmlassung befindlichen Tarifordnung wird der von einem Therapeuten erzielbare Umsatz im schweizerischen Durchschnitt bei etwa CHF 95 pro Stunde festgelegt. In diesem Stundensatz ist alles eingeschlossen. Für den Einsatz teurer Trainings- und Therapiegeräte (eine gut ausgerüstete Praxis hat hier schnell einmal CHF 300’000 in der Bilanz), interne und externe Fortbildungen, Administration, IT, Miete….schlichtweg alles, was es braucht, um eine Praxis zu betreiben. Wenn wir das nun vergleichen mit den Stundensätzen unseres Treuhänders, der Kosmetikerin, des Gärtners (der notabene noch jede Maschine verrechnet), des Automechanikers oder wohl auch der Mitarbeitenden des BAG, dürfte es klar werden, warum immer mehr Physiopraxen keinen Nachfolger mehr finden oder gezwungen sind, mit Fitnessabos die Trainingsinfrastruktur für ihre Patienten zu subventionieren.

      Spannend ist auch, dass die gleichen Krankenversicherer, welche der Meinung sind, dass CHF 95 pro Stunde für eine qualitativ hochwertige Physiotherapie genügen, über Ihre Zusatzversicherungen medizinische Massagen mit CHF 150 oder Osteopathie mit CHF 180 pro Stunde entgelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch die Löhne der Angestellten der Versicherer, die sich notabene auch in den Kosten der Grundversicherung niederschlagen, sind im Gegensatz zu denjenigen der Physiotherapie in den letzten 20 Jahren «marktüblich» gestiegen. Dasjenige Gehalt von Sanitas CEO Andreas Schönenberger ist in den letzten fünf Jahren gar von CHF 469’272 auf CHF 956’486 angestiegen – also um über 100%.

      Es ist unbestritten, dass die Kosten der Physiotherapie, welche etwa 3.5% der Gesundheitskosten ausmachen in den letzten Jahren im Durchschnitt stärker gestiegen sind als die anderen Kosten der obligatorischen Grundversicherung. Warum ist das so? Hier gibt es wohl keine einfache abschliessende Antwort. Zum einen haben wir immer mehr ältere Menschen in der Physiotherapie, mit dem Ziel, diesen länger ein selbständiges Leben zu Hause zu ermöglichen, weiter wird heute mehr als früher versucht, Operationen mit Physiotherapie hinauszuzögern oder gar zu vermeiden und Patienten werden postoperativ viel früher aus den Spitälern geschickt als noch vor einigen Jahren. Dazu – und das ist auch richtig so – haben Physiotherapeuten heute auch eine bessere Kenntnis der Tarifstruktur und rechnen das ab, was ihnen von Gesetzes wegen auch zusteht.

      An der ganzen Kostendiskussion stört ausserdem, dass dabei die Wirkung von physiotherapeutischen Leistungen aufs gesamte Gesundheitssystem ausser Acht gelassen wird. Investiert man in die Physiotherapie, können dadurch anderswo Kosten eingespart werden. Studien zu Knie- und Rückenschmerzen zeigen exemplarisch auf, dass hier ein grosses Potential vorhanden wäre. Die Kosten für bildgebende Verfahren, Medikamente, Operationen übersteigen um ein Vielfaches die Physiotherapiekosten. Das heisst, dass die Physiotherapie bei sehr vielen Beschwerden das beste Preis-/Leistungsverhältnis im Gesundheitssystem hat. Investiert man in die Physiotherapie, hat das einen positiven Effekt auf die Gesamtkosten.

      Abschliessend darf man mit Recht behaupten, dass der neue Tarifvorschlag einseitig die Bedürfnisse der Krankenversicherer berücksichtigt und den finanziellen und strukturellen Problemen der Physiotherapie keine Rechnung trägt. Es ist zugegebenermassen spekulativ, wenn man vermutet, dass angesichts des bevorstehenden erneuten Prämienanstiegs in der Grundversicherung an den günstigsten Leistungserbringern des Gesundheitswesens, den Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ein Exempel statuiert werden soll und man der Bevölkerung einen «Beschwichtigungsknochen» hinwerfen will.

      Nicht als Spekulation gilt jedoch die Aussage, dass bei Umsetzung des Vernehmlassungsvorschlages die Physiotherapie in unserem Land in den freien Fall gestossen wird. Unterstützen Sie uns, damit es nicht so weit kommt – wir halten Sie auf dem Laufenden.

      Ihre Aktiv Physio

      Der Mensch als «Superorganismus»

      Der Mensch als «Superorganismus»

      In unserem Darm leben etwa 40 Billionen (das entspricht 40’000’000’000’000) Bakterien, Viren, Pilze und Hefen. Diese als «Mikrobiota» bezeichneten Lebewesen sind von zentraler Bedeutung für unsere Gesundheit. Während diese Darmbewohner früher als passive Mikroorganismen wahrgenommen wurden, hat sich dieses Bild aufgrund von Forschungsresultaten jüngeren Datums radikal geändert: Heute wissen wir, dass diese Mikrobengemeinschaften für unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit essenziell sind.

      Die Vielfalt der einzelnen Arten und deren relative Anteile sind unterschiedlich, je nachdem ob sich ein Mensch gesund fühlt oder an Beschwerden leidet. Spannend ist, dass es dabei offenbar keine Rolle spielt, welcher Natur diese Beschwerden sind: Gallensteine, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Reizdarm, Migräne oder Depressionen zeigen diesbezüglich ein ähnliches Bild. Kommen bestimmte Mikroben gehäuft vor, lässt sich darauf auf einen positiven Gesundheitszustand schliessen; dominieren hingegen andere Winzlinge lässt sich daraus ein schlechter Gesundheitszustand ableiten1).

      Die Studie kann allerdings nicht schlüssig erklären, ob gesundheitliche Probleme zu einer Veränderung der Zusammensetzung der Mikroben führen, oder umgekehrt. «Andere Studien hingegen zeigen, dass gesunde Mäuse rasch entsprechende Symptome entwickeln, wenn die Bakterien in ihrem Darm mit den Bakterien von fettleibigen, zuckerkranken oder depressiven Artgenossen getauscht werden.»2)

      In der unter1) erwähnten Studie liess sich auch – wenig überraschend – ein direkter Zusammenhang zwischen dem Lebensstil und der Mikrobenzusammensetzung im Darm feststellen. Menschen die sich gesund ernähren, sich in einem gesunden Umfeld bewegen und einen aktiven Lebensstil führen, verfügen über eine «bessere» Mikrobenwelt.

      Interessant ist an dieser Stelle auch ein Artikel von Paolo Colombani3) in dem er schreibt, dass bei untrainierten und inaktiven Menschen eine geringe Mikroben-Vielfalt vorhanden ist, während die Artenvielfalt bei trainierten Personen grösser ist.

      «Die Forschung zur Mikrobiota und der optimalen Leistung ist noch jung. Aber einiges ist jetzt schon bekannt. Von der ­Mikrobiota produzierte Stoffe, in erster Linie die kurzkettigen Fettsäuren, wirken sowohl im Darm als auch nach ihrer Aufnahme im ganzen Körper. Wird eine Mindestmenge an diesen Stoffen unterschritten, ist die Erhaltung des normalen Zustands und der Gesundheit (und somit automatisch auch der optimalen Leistungsfähigkeit) nicht sichergestellt. Dabei kippt man aber nicht sofort von einem guten in einen katastrophalen Zustand, sondern man driftet allmählich und unmerklich in Richtung eines suboptimalen Status ab.

      Körperliche Aktivität puffert diesen Vorgang zwar ab. Damit die Mikrobiota aber wirklich happy bleibt, benötigt sie auch genügend Nahrung. Diese bezieht sie aus dem Teil unseres Essens, den wir nicht verdauen können, hauptsächlich den Nahrungsfasern. Das Problem ist: Fast alle Erwachsenen nehmen mit 10 bis 20 Gramm pro Tag weniger ein als das Soll von 30 Gramm. Für sportlich Aktive bedeutet dies, dass sie zwar besser dastehen als kaum Aktive. Sie schöpfen aber ihr Leistungspotenzial dennoch nicht aus.»

      Was sind nun die Lehren, die wir für unseren Alltag aus den aktuellen Forschungsresultaten ziehen können?

      • Der Mensch muss vermehrt unter Einbezug von Mikroben, welche in ihm leben als «Superorganismus», denn als isoliertes Individuum betrachtet werden.
      • Die Darmflora hat einen entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit.
      • Zentral ist die Zusammensetzung der Darmflora und die Artenvielfalt generell.
      • Das wiederum ist zu einem Grossteil davon abhängig, wie wir uns ernähren.
      • Gemäss aktuellen Studien soll man in der Ernährung auf folgendes achten:
        • Möglichst naturbelassene Lebensmittel ohne Giftstoffe, Zusätze, etc.
        • Keine Fertigmahlzeiten.
        • Möglichst vielfältig essen; d.h. je mehr verschiedene Nahrungsmittel desto besser (gilt auch für Kräuter und Gewürze).
        • Mindestens 30g Nahrungsfasern/Tag.
        • Keine Einfachzucker.
        • Kein «Daueressen» – der Darm braucht wirschen den Mahlzeiten auch mal Ruhe.
        • Vorsicht mit Medikamenten; insbesondere mit Antibiotika, welche nebst den Krankheitserregern meist auch einen Grossteil der «guten» Mikroben töten.

      Für weitere Fragen stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung.

      1) «Environmental factors shaping the gut microbiome in a Dutch population», Nature, Band 606, S. 732ff

      2) NZZ am Sonntag, 19. Februar 2023, Seite 61

      3) Paolo Colombani, Viren, Pilze sind wichtig für unsere Leistung, NZZ am Sonntag, 2.10.22